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BELASCO "MADAME BUTTERFLY"

THEATERSTÜCK

ÜBERSETZUNG UND REGIE MANFRED LOYDOLT

Der Inhalt des Stückes

Die verarmte Tochter eines japanischen Fürsten, der um sein Gesicht bewahren zu können, die heilige Handlung des Seppuku vollzogen hat, sieht sich gezwungen, um ihre Familie ernähren zu können, als Kurtisane Geld zu verdienen. Ein schmieriger Zuhälter verschafft ihr den ersten Auftrag: Sie solle einem amerikanischen Marinesoldaten als ‚Ehefrau‘ zugehen. Da sie aber als Tochter aus gutem Haus nicht das Denken und Handeln einer Prostituierten hat, passiert es ihr das, was ihr nie passieren hätte dürfen: sie verliebt sich Hals über Kopf in den amerikanischen Offizier. Als dieser wieder in seine Heimat muss,  bleibt sie sehnsüchtig auf ihn wartend mit ihrer Dienerin Suzuki zurück. Als sie dann auch noch merkt, dass sie schwanger ist, ist ihr Entschluss gefasst: Sie verweigert die japanischen Sitten und sieht sich als verheiratete Amerikanerin. Diese Verhaltensweise verteidigt sie mit allen Mittel, die ihr zur Verfügung stehen: Mit Gewalt dem Heiratsvermittler gegenüber, mit Tränen und Stolz dem amerikanischen Konsul gegenüber und mit schon beinahe abnormalen psychischen Mitteln sich selbst gegenüber. Erst als sie der echten Ehefrau des amerikanischen Offiziers gegenüber steht, gibt sie ihren Widerstand auf und fügt sich in ihr Schicksal.

 

Die Meinung des Regisseurs über das Stück

Es gibt eine Schwierigkeit bei der Regiearbeit: Jeder kennt die Oper von Puccini und fühlt sich irgendwie kompetent. Für den Regisseur von Belascos Stück muss der Leitspruch heißen: Vergiss Puccini! Es handelt sich um ein ganz anderes Stück. Zwar ist der Handlungsablauf in etwa derselbe (mit der Ausnahme, dass für Puccinis Oper der gesamte 1. Akt dazu gedichtet wurde), doch die Charaktere müssen ganz anders geformt werden. Die Rolle der Hauptfigur gehört vielleicht zu den schwierigsten und dramatischsten der Weltliteratur. Sie trägt das Stück, alle anderen sind nur Nebenfiguren, die die Handlung fortführen.

Für den Übersetzer stellt sich nun die Frage, wie man Belascos Sprache übersetzen soll, denn er lässt seine ‚Madame Butterfly‘ so sprechen, wie er glaubte, dass eine Japanerin schlecht Englisch spricht. Diese Sprache ins Deutsche zu übertragen ist schlicht unmöglich.

Man muss andere Bezugspunkte des Stückes in den Mittelpunkt stellen, so zum Beispiel den krassen Widerspruch zwischen der japanischen und der amerikanischen Lebensweise oder die psychische Verfassung der Protagonisten.

  • Wollte der Autor durch das Verhalten seiner amerikanischen Figuren seinen Landsleuten vielleicht einen Spiegel vorhalten?
  • Kann eine japanische Fürstentochter das Leben einer Gefallenen psychisch tatsächlich verkraften?
  • Lässt sich die damalige moderne westliche Lebensphilosophie mit der japanischen Tradition überhaupt verbinden?
  • Was bedeutet der gefallenen Fürstentochter der im verdreckten und verkommen Sündenpfuhl Nagasaki gängige Zen-Glaubensspruch: ‚Über den wogenden Feldern kann eine auserwählte, erniedrigte Seele mit einer verwandten Seele wiedervereinigt werden! ‘

Diese Fragen sollte jeder für sich selbst beantworten und ich denke, dass jeder Zuschauer Puccinis Oper, aber auch Boublils Musical zukünftig mit anderen Augen sehen wird.

 

Über den Verfasser von ‚Madame Butterfly‘ David Belasco

Der amerikanische Impresario und Bühnenschriftsteller wurde am 25. Juli 1853 (andere Quellen geben das Jahr 1859 an) in San Francisco geboren. Er war für Amerika ungefähr so bedeutend wie für uns Max Reinhardt. Übrigens haben die beiden auch zusammengearbeitet. Belasco leitete sein eigenes Theater, an dem er revolutionäre Bühnentechniken ausprobierte. Im Falle der ,Madame Butterfly‘ waren es die erstmals auf einer Bühne eingesetzten elektrischen Glühbirnen, die den Sternenhimmel darstellen sollten. Einige seiner Werke dienten Komponisten als Vorlagen zu ihren musikdramatischen Werken (z.B. Puccinis ‚La fanciulla del west‘).

Für die neue Saison 1899/1900 benötigte Belasco dringend ein neues Stück, welches dem damaligen Modetrend entsprechen sollte. Dabei sollte es sich um orientalische und fremdländische Themen handeln. Man vergesse nicht, dass dieser Trend aus der damaligen darstellenden Kunst entsprang (Marc, van Gogh, Klimt). Belasco fand eine Reiseerzählung von John Luther Long, der diese seinerseits wieder nach einer wahren Begebenheit verfasst hat, die er in den Unterlagen des französischen Kapitäns Pierre Loti für seinen Roman ‚Madame Chrysanthem’ gefunden hat. In kürzester Zeit schuf Belasco für sein Theaterensemble das Stück ‚Madame Butterfly‘, in dem die damals berühmten Schauspieler Mary Barker, Blanche Bates, Frank Worthing und Claude Gillingwater spielten.

Bei der Londoner Premiere saß Giacomo Puccini in einer Loge. Freunde hatte ihn absichtlich in ein anderes Theater gesetzt, als in das, welches er selbst besuchen wollte, um ihm die Möglichkeit zu geben, ein neues, wunderbares und damals modernes Sujet für seine neu zu komponierende Oper zu sehen – eben ‚Madame Butterfly‘.

David Belasco verstarb am 15. Mai 1931 in New York und hinterließ eine große Zahl von bedeutenden Werken, die aber unverständlicherweise im deutschen Sprachraum nahezu unbekannt geblieben sind. Das City Museum of N.Y. widmet dem Autor einen eigenen Ausstellungsraum.